|
Das raetische Heer
Die Provinz Raetia war der römische Verwaltungsbezirk, der
vornehmlich das nördliche Alpenvorland umfasste. Ihre Grenzen waren im Osten der
Lauf des Inn, im Süden der Alpenkamm und im Westen eine Linie, die vom Westende
des Bodensees den Rand der Alb entlang zum Limesknie bei Lorch (etwa 40 km
östlich von Stuttgart) verlief. Im Norden trennten in der westlichen Hälfte eine
Kastellkette und der Limes, ab Eining die Donau die Provinz von den Germanen.
Das Gebiet kam während der Alpenfeldzüge unter Augustus unter römische
Kontrolle. Während der ersten Hälfte des 1. Jh. n. Chr. wurde die Provinz Raetia
eingerichtet und seitdem von einem Statthalter verwaltet. Die Truppen lagen
damals in Kastellen direkt an der Donau, die einzelnen Einheiten sind jedoch
weit gehend unbekannt.
In den Wirren des Bürgerkrieges 68-70 n. Chr. begegnet uns der exercitus
Raeticus (Auflistung raetischer Truppen) erstmals als eigenständige Größe auf Seiten des Vitellius. Der
Sieger Vespasian organisierte nach dem Bürgerkrieg die Heere an der Rheingrenze
um, zahlreiche Hilfstruppen des Vitellius wurden neu formiert, andere in weit
entfernte Teile des Reiches verlegt. Auch das raetische Heer wird ebenso wie die
beiden großen Rheinarmeen in dieser Zeit neu zusammengestellt worden sein.
Einen
weiteren Einschnitt stellte ein Wechsel der strategischen Lage dar: Seit 85 n.
Chr. verlagerte sich wegen der Dakerkriege der militärische Schwerpunkt vom
Rhein an die Donau. Truppenverlegungen waren die Folge. Um 100 n. Chr.
verkleinerte Traian das Heer in Obergermanien, die Raetien am nächsten gelegene
Legion aus Vindonissa wurde in den Donauraum verlegt. Ob sie von Teilen des
raetischen Heeres begleitet wurde, lässt sich nicht sagen.
Erst mit dem Militärdiplom vom 30.6. 107 n. Chr. beginnen die Informationen zu
fließen. Bis in die Siebzigerjahre des 2. Jh. n. Chr. sind eine Fülle von
Diplomen überliefert. Mit über 40 Exemplaren ist Raetien die Provinz mit den
meisten überlieferten Diplomen im ganzen Reich.
In diesen rund 65 Jahren standen immer vier Alen und erst 14, später 13 Kohorten
in der Provinz. Während die normalen, 500 Mann starken Kohorten unverändert in
der Provinz blieben, wurde zwischen 116 und 122 /124 n. Chr. die ala I
Augusta Thracum und die cohors III Batavorum rniliaria nach Pannonien
verlegt. Als Ersatz für die Ala kam dauerhaft die ala I Flavia Gemelliana, für die Kohorte Detachements der cohors II Tungrorum miliaria
(Britannien) und der cohors IIII Tungrorum miliaria (Mauretania
Tingitana) in die Provinz.
In der Zeit nach 170 n. Chr. gibt es für diese Provinz keine Diplome mehr, die
einzigen Quellen sind die in den Kastel gefundenen Bau-, Grab- und
Weihinschriften. Sie belegen im Wesentlichen die Anwesenheit der meisten Truppen bis in das 3. Jh. n. Chr. So ist durch die Diplome die Zusammensetzung des
Provinzheeres zwischen 107 und 170 n. Chr. zwar bekannt, die Einheiten können
aber nicht immer einzelnen Kastellen zugewiesen werden. Für die spätere Zeit,
nach dem endgültigen Ausbau des Limes, können einige Einheiten lokalisiert
werden, es lässt sich aber nicht mit Sicherheit sagen, ob die Zusammensetzung
des exercitus die gleiche blieb, oder ob beispielsweise während der
Markomannenkriege einige Einheiten abgezogen und durch andere ersetzt wurden.
Ebenfalls lassen sich keine Veränderungen, die die Verlegung der legio III
Italica nach Regensburg 179 n. Chr. nach sich gezogen haben könnten,
feststellen. |
|
Folgende Truppeneinheiten sind in Raetien belegt:
legio III Italica
Anlässlich der Markomannenkriege wurde sie von Mark Aurel zusammen mit der
legio II Italica
(diese hatte ihr Lager in "Lauriacum"
dem heutigen Enns in Österreich) aufgestellt und an der Donau eingesetzt. Anschließend wurde
sie nach Raetien verlegt und erbaute 179 n. Chr. ihr Standlager in Regensburg.
Dort ist sie bis in die Spätantike belegt.
cohors 1 civium Romanorum ingenuorum
Die Kohorte ist durch zwei Inschriften 47 n. Chr. und in nachhadrianischer Zeit
für Raetien belegt. Als Kohorte, in der die Soldaten das römische Bürgerrecht
schon bei Antritt des Dienstes haben mussten, erscheint sie nicht in den
Diplomen. Standorte und Geschichte sind unbekannt.
ala II Flavia miliaria pia fidelis
Ihre Geschichte im 1. Jh. n. Chr. ist unbekannt, möglicherweise entstand sie aus
der obergermanischen ala II Flavia gemina. Sie ist erstmals auf dem
Diplom vom 30.6.107 n. Chr. belegt und stand seitdem durchgehend in der Provinz
Raetia. Möglicherweise lag sie erst in Günzburg, wurde unter Traian nach
Heidenheim, gegen 160 n. Chr. nach Aalen verlegt und blieb dort bis ins 3. Jh.
n. Chr. Bevor die Legion nach Raetien kam, war die ala II Flavia miliaria
bedeutendste Einheit in der Provinz. Ins-, gesamt gab es nur sieben auf 1000
Mann verstärkte Alen im gesamten römischen Reich.
ala I Hispanorum Auriana
Die Ala wurde ursprünglich in Spanien ausgehoben und ist seit 61 n. Chr. in
Pannonien belegt. Während des Vierkaiserjahres 69 n. Chr. verstärkte sie laut
Tacitus das norische Heer, danach kehrte sie nach Pannonien zurück. Vor 107 n.
Chr. kam sie nach Raetien und stand im Kastell Weißenburg. Dort blieb sie,unterbrochen von einer längeren Abwesenheit während der Markomannenkriege, bis
ins 3. Jh. n. Chr.
ala I Augusta Thracum sagittaria
Diese Ala kam vor 107 n. Chr. nach Raetien und ist in den Diplomen bis 116 n.
Chr. belegt. Sie wurde noch vor 122/ 124 n. Chr. nach Noricum verlegt und durch
die ala I Flavia Gemelliana ersetzt. Ihr Standort in Raetien ist
unbekannt, möglicherweise lag sie in Kösching.
ala I Flavia Gemelliana
Ein Diplom aus dem Jahre 64 n. Chr. belegt die frühe Anwesenheit in der Region,
eine Inschrift aus Augst macht die Zugehörigkeit zum obergermanischen Heer
wahrscheinlich. Später lag sie wohl in Noricum und wurde zwischen 116 und
122/124 n. Chr mit der raetischen ala 1 Augusta Thracum ausgetauscht.
141 n. Chr. erbaute sie in Kösching das Steinkastell und blieb dort bis ins 3.
Jh. n. Chr.
ala 1 Flavia singularium civium Romanorum pia
fidelis
In den Jahren 78 und 90 n. Chr. ist die Ala im germanischen Heeresverband
belegt. Vor 107 n. Chr. wurde sie nach Raetien verlegt. 141 n. Chr. baute sie
das Kastell Pförring in Stein aus und blieb dort bis ins 3. Jh. n. Chr.
cohors I Flavia Canathenorum miliaria sagittariorum
Erstmals 116 n. Chn in einem Diplom für Raetien genannt, muss die Einheit
zwischen 107 und 116 n. Chr. in die Provinz verlegt worden sein. Ihre
Vorgeschichte ist völlig unbekannt. Sie stand bis ins 3. Jh. n. Chr. in
Straubing. Es handelt sich um eine im Gebiet der syrischen Stadt Canatha
aufgestellte Spezialeinheit von Bogenschützen.
cohors I Breucorum civium Romanorum equitata
Die Kohorte ist seit dem Einsetzen der Diplome 107 n. Chr. in Raetien belegt und
stand die ganze Zeit in Pfünz. Dort ist sie durch Inschriften bis ins 3. Jh. n.
Chn belegt.
cohors.1 Raetorum
Ab 107 n. Chr. in Raetien belegt, stand aber wahrscheinlich seit flavischer Zeit
in Westraetien (Donnstetten?) und wurde im Rahmen der Vorverlegung des Limes
unter Antoninus Pius nach Schwäbisch-Gmünd verlegt. Hier blieb sie bis ins 3.
Jh. n. Chr.
cohors II Raetorum
Diese Kohorte ist nur aus den Diplomen und von Ziegelstempeln bekannt. Offenbar
lag sie seit flavischer Zeit (68 - 96)im Westkastell von Straubing. Der Verbleib der
Einheit nach der Zerstörung des Kastells in den Markomannenkriegen ist, da es
keine späteren Diplome gibt, unbekannt.
cohors II Aquitanorum equitata
Die Einheit ist durch zwei Diplome 82 und 90 n. Chr. in Obergermanien belegt und
wurde zwischen 107 und 116 n. Chr. nach Raetien verlegt. In den raetischen
Diplomen wird sie nun regelmäßig verzeichnet. Ihr erstes Standlager
Regensburg-Kumpfmühl bezog sie nach den Markomannenkriegen nicht mehr,
möglicherweise erbaute sie das Kastell in, Dambach.
cohors III Bracaraugustanorum
(equitata)
In fast allen raetischen Diplomen genannt, stand sie wahrscheinlich bis ins
3. Jh. n. Chr. in Theilenhofen. Ihre Vorgeschichte ist unbekannt. Durch ein
neues Diplom ist sie als Einheit von Bogenschützen genannt.
cohors III Thracum veterana
Seit 107 n. Chr. ist sie in Raetien belegt, die Vorgeschichte ist unbekannt.
Wahrscheinlich lag sie erst in Oberdorf am Ipf und wurde möglicherweise mit der
Anlage des Limes unter Antoninus Pius nach Rainau-Buch verlegt. Das Lager
bestand bis ins 3. Jh. n. Chr.
cohors III Thracum
civium Romanorum equitata bis torquata
Seit 107 n. Chr. in Raetien belegt, könnte sie aufgrund von Ziegelstempeln
in flavischer Zeit erst in Oberstimm, dann in Künzing gelegen haben. 144 n. Chr.
erbaute sie das Steinkastell in Gnotzheim und ist hier bis ins 3. Jh. n. Chn
belegt.
cohors III Britannorum equitata
Die Kohorte ist 69 n. Chr. im raetischen Heer belegt, damals zog sie für
Vitellius nach Italien. In den Diplomen ist sie seit 107 n. Chr. regelmäßig
überliefert. Sie stand in Eining, wo sie noch Anfang des 3. Jh. n. Chr.
Inschriften setzte. Letzte Erwähnung findet die Einheit in der Notitia
Dignitatum: Noch in der Spätantike residierte ein Tribun der cohors III
Britannorum in Eining.
cohors III Batavorum equitata miliaria
Während des 1. Jh. n. Chr. war die Einheit in Britannien und wurde
wahrscheinlich unter Traian nach Raetien verlegt. Von 107 bis 116 n. Chr.
belegen die Diplome ihre Anwesenheit, möglicherweise war Ruffenhofen ihr
Standlager,
aber auch Straubing, hier wurden zwei Ziegelstempel der
Cohorte gefunden, wäre
möglich. Zwischen 116 und 122/124 n. Chr. wurde die Truppe dann nach Pannonia
inferior abgezogen, dort blieb sie bis ins 3. Jh. n. Chr.
cohors IIII Gallorum
Diese Einheit ist nur durch Diplome bezeugt und stand sicher von 107 bis 168 n.
Chr. in Raetien. Vorgeschichte, Standorte und Verbleib sind unbekannt.
cohors V Bracaraugustanorum
Eine Inschrift aus Rom belegt die Anwesenheit der Einheit in Germanien,
spätestens seit 107 n. Chr. ist sie für Raetien und dort nur durch Diplome
durchgehend bezeugt. Ihr Standlager war ab Mitte des 2. Jh. n. Chr. Künzing.
cohors VI Lusitanorum
Die Einheit ist nur durch Militärdiplome durchgehend bezeugt, als Standorte
werden Urspring und nach der Vorverlegung des Limes Böbingen angenommen.
cohors IX Batavorum miliaria equitata exploratorum
Diese Einheit lag während des 1. Jh. n. Chr. in Britannien, der Standort war
Chesterholm /Vindolanda. Im feuchten Boden haben sich hier Schreibtäfelchen mit
der Korrespondenz der Kommandeure Flavius Genialis und Flavius Cerialis
erhalten. Etwa 95 n. Chr. wurde die Kohorte auf 1000 Mann verstärkt. Im Jahre
105 n. Chr. wurde sie an die Donau verlegt, vor 116 n. Chr. dann nach Raetien.
Bis zum Ende der Diplome ist sie regelmäßig belegt. Ihr Standort ist nicht
sicher auszumachen, möglicherweise lag sie erst in Ruffenhofen, später in
Passau.
cohors II Tungrorum rniliariae equitatae vexillatio und
cohors Tungrorum miliaria vexillatio
Nach Abzug der cohors III Batavorum zwischen 116 und 122/124 n. Chr.
wurden Abteilungen der cohors II Tungrorum aus Britannien und der
cohors Tungrorum aus Mauretanien nach Raetien verlegt. Hier sind sie bis in
die Vierzigerjahre des 2. Jh. n. Chr. durch Diplome belegt. |
|
Die Seite ist Teil eines Framesets zur Startseite geht es
HIER
Wir sind bemüht alle Quellen anzugeben, da aber
viele Informationen auch aus dem Weltnetz stammen ist es nicht immer einfach
diese zu recherchieren. Sollten Sie eine Urheberrechtsverletzung (Texte,
Bilder etc.) vermuten oder diese Ihnen bekannt sein, so bitten wir Sie uns
umgehend zu informieren, damit wir dies berücksichtigen,
aufnehmen oder entfernen können.
info(at)COH•II•RAET.de |